Angst, und den Versuch sie zu Verdrängen (großes Solo)

Finished 2004
Streichquartett
duration: 16'


In einem Solo/ einem Alleingang schwingt gleichzeitig sowohl Einsamkeit, Macht und Unabhängigkeit mit. Es ist nie nur eines, es pendelt zwischen diesen dreien. Ebenso denke ich, dass die Entscheidung zu einem Solo/ einem Alleingang aus der Empfindung der Einsamkeit, dem Wunsch nach Macht oder der Unabhängigkeit entsteht.

Dem Solo/ dem Alleingang als gesellschaftlichen oder politischen Akt liegt das Misstrauen den Anderen gegenüber zu Grunde, sie wären nicht in der Lage, die Situation ebensogut zu überblicken wie der Solist und sind entsprechend handlungsunfähig. Unabhängig des Motivs für den Alleingang kann dieses Misstrauen dann in Gewaltsamkeit oder Radikalisierung des eigenen Standpunktes umschlagen, was zur Verschärfung des Misstrauens und zur Isolierung des Alleingängers führt: Die Angst, zu einem Einzelgänger zu werden drängt ihn dann - wo der Schritt schon gegangen ist - noch weiter in den Alleingang. Nichts ist anscheinend Schandhafter, als sich geirrt zu haben. Das Problem des Avantgarde-Gedankens (auch des "Befreier"-Gedankens) ist die Nicht-Einsicht, dass er methodisch unterdrückend ist, und nicht die jeweiligen Ziele der Avantgarde.
Deshalb gibt es natürlich trotzdem bessere und schlechtere Argumente. Sie müssen auch vorgetragen und verteidigt werden. Das getragene Solo - die Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Akzeptanz durch die Anderen - freie Liebe im Grunde genommen - ist die Utopische Seite des Solos. Eigenständigkeit und das Gefühl aufgehoben, nicht allein zu sein. Diese Seite bzw. die Sehnsucht dorthin ist für mich auch ein Grund, nicht in Beliebigkeit zu verfallen oder in reines Mehrheitsprinzip. Die Lust, Beiträge zu liefern, dem Kitsch auch etwas entgegensetzen und Argumente für seine Überzeugung zu finden, gehört zu dieser Unabhängigkeit genauso wie die Bereitschaft die eigene Angst, sich geirrt zu haben, zuzugeben.

Das Streichquartett ist das Soloinstrument der europäischen Musiktradition seit Haydn - die Expertengattung - was ihm den Titel der höchsten musikalischen Gattung eingebracht hat (und der vielleicht durch das Streichtrio als Erweiterung überhöht wurde). In dem Stück "Angst, und den Versuch die zu verdrängen (großes Solo)" wird dieser Solo-Begriff thematisiert. Die Bewegung geht vom getrennten Nebeneinander über das Solo und den Alleingang hin zum Tanz. Solo ist hierbei ein Kriterium sowohl für die Interpreten, als auch für Töne, Lautstärken, Spielweisen etc. Dabei ist der Versuch, über die Bewegung des Stücks den Übergang/ die Transformation vom Alleingang in die oben beschriebene Unabhängigkeit erfahrbar zu machen.


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