ingolf

Finished 2016
Musiktheater von Daniel Kötter, Hannes Seidl und Rahel Kesselring
duration: 70'


Wir beauftragten Ingolf Haedicke, 72, ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Rundfunks, erklärter Verächter des Zeitgenössischen und passionierter Hobby-Bastler, für uns und das MiR eine Oper zu entwerfen, künstlerisch und institutionell.

Seine Vorschläge sind textlicher und inhaltlich-formaler Ausgangspunkt des Projekts ingolf.
Im Laufe von zwei Jahren entstanden ausgehend von einer Dokumentation eines Tags von Ingolf Haedicke sechs Teile eines Musiktheaterzyklus' in verschiedenen Formaten: Filmkonzert, Installation, Werkstattbegehung, Stadtrauminterventionen und Orchesterkonzert. Das Prinzip ingolf ist expansiv: Mitarbeiter des MiR und Bewohner von Gelsenkirchen wurden im Laufe der zwei Jahre Facetten von ingolf.
ingolf sind sechs Antworten auf die Frage: Wie lassen sich Alltagspraktiken und Theaterbetrieb kombinieren, sich gegenseitig virtuos fiktionalisieren und aushebeln? Wie kann Alltag Kunstforschung betreiben und wie künstlerische Praxis Alltagsforschung.
ingolf #1 lebt allein

ingolf ist zunächst einmal Ingolf Haedicke, 72, ehemaliger Leiter der Phonothek des Musikwissenschaftlichen Instituts der Humboldt Universität Berlin, ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Rundfunks und passionierter Hobby-Bastler.

Für einen Tag – vom Aufstehen bis zum Einschlafen – wird er der Protagonist des ersten Teils des Projekts ingolf, das als Kooperation zwischen dem Fonds Experimentelles Musiktheater (feXm) und dem MiR in Gelsenkirchen entsteht. Während der Filmemacher Daniel Kötter, der Komponist Hannes Seidl und die Szenographin Rahel Kesselring ihn durch den Tag mit Kamera und Mikrofon begleiten – beim Basteln, bei Gesprächen mit ehemaligen Studenten, in seiner Stammkneipe – skizziert ingolf immer wieder seine neue Oper. Und während er über sie spricht, Chladniescheiben als Bühnenmodelle entwirft, mit selbstgebauten Theremins seine Musik vorspielt, wird die Szenerie des Films selbst zum Musiktheater, wird seine Wohnung zur Bühne, die Klänge darin zu Musik, sein Tagesablauf zur eigentlichen Handlung.

ingolf #2 geht arbeiten
ingolf, so konnte es scheinen beim ersten Teil von Kötter/Seidls sechsteiligem „ingolf“-Projekt, sei eine Person. Ein Film, allem Anschein nach dokumentarisch, live dabei kommentiert vom Gesang vierer Soprane, zeigte einen Tag im Leben des Instrumententüftlers Ingolf Haedicke samt dessen Nachdenken über neue Wege der Oper. Die Realisierung seiner Oper der Zukunft geht im nächsten Schritt nun überraschende Wege, führt den Zuschauer in verborgene Bereiche des MiR – seine Werkstätten, wo Theater „gemacht“ wird. Erneut überkreuzt Film sich mit Live-Geschehen, verschmelzen Realität und Inszenierung. Nur eine der Sängerinnen verbleibt von der Personage des ersten Teils. Auf der Leinwand erscheint sie in Haedickes Wohnung versetzt, ihr Morgenritual gleicht dem früheren Haedickes, von ihm aber fehlt jede Spur. Privat, vor dem Beginn ihrer Arbeit, erleben wir auch die Tischler. Andere Betten, Badezimmer, andere Kaffeemaschinen. Unterdessen entsteht ein Bühnenbild, das seltsam der Wohnung Haedickes gleicht, während Eingespieltes sich mit den verstärkten Geräuschen der Tischler mischt zur musikalischen Partitur von "ingolf geht arbeiten". Opernarbeit wird hier zur Oper, die Werkstätten des MiR zu ihrer Bühne.
Mit Sina Jacka, Bruno Kirchhof, Volker Lüdecke Premiere: Sonntag, 17. April 2016, 18.00 Uhr, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, kleines Haus

ingolf #3 wohnt
Die reale Berliner Wohnung Ingolf Haedickes, filmisch dokumentiert in ingolf #1 lebt allein, bekommt nun ihr Theater-Double. Umgekehrt wird die Bühne des Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (MiR) zu ingolfs temporärer Wohnstatt. War man bei ingolf #2 geht arbeiten noch Zeuge eines Musiktheaters im Werden, ist der Theaterbesucher nun eingeladen, das voll funktionstaugliche Wohnungs-Double zu bewohnen. Der Wohnraum ist real bewohnbar: Wasser- und Stromanschluss, Vorräte im Kühlschrank, ein Fernsehgerät, Instrumente, Herdplatten und ein Plattenspieler. Eine temporäre Theater-Konzert-Wohngemeinschaft für bis zu sechs Personen. Das Teilen des Wohnraums verlangt dabei - wie in jeder WG - die Verantwortung aller für Alltag und Kunst.

ingolf #4 zieht aus
ingolf #5 macht Freunde
Zu Beginn war ingolf noch allein, im Alltag, in seiner Wohnung, und in der Oper. Doch auf dem Weg zur Arbeit am Theater hat er all das mitgenommen, was sein Leben ausmacht: seine Kaffeemaschine und sein Bett, seinen Lötkolben und den selbstgebastelten Sinusgenerator. Endlich auf der Theater-Bühne angekommen, hat er die Besucher in seiner Wohnung kochen, arbeiten, schlafen und musizieren lassen. ingolf hat den Alltag der Oper in die Oper des Alltags überführt. Doch jetzt ist es Zeit, dass ingolf abtritt, seine Rolle hat er gespielt. Es ist jetzt an uns allen zu übernehmen. Wir räumen aus, bauen ab, nehmen alles auseinander, und dann geht es raus, "raus aus dieser bürgerlichen Muffbude“. Wir tragen unseren Alltag mit Pauken und Trompeten aus dem Theater in die Stadt und nehmen alle mit, die wollen. Denn wir können unsere Oper nicht immer den anderen überlassen: Oper von allen statt Oper für alle. Unsere neue Bleibe schlagen wir direkt im Herzen der Stadt auf, am Heinrich-König-Platz, da, wo wir alle einkaufen, Kaffee trinken, arbeiten und rumhängen. Und dort machen wir Freunde fürs Alltagsleben, jeden Tag, in insgesamt sieben Akten.

ingolf #4 zieht aus
Umzug durch die Stadt mit Spielmannszügen und Fanfarencorps und allen die mitmachen wollen Beginn: 21. April, 18 Uhr, Treffpunkt: Kleines Haus, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

ingolf #5 macht Freunde
Oper von allen
ehemaliges Schuhhaus Bruhns, Neumarktgasse 2, Gelsenkirchen 28./29.4., 2.-6.5., täglich geöffnet 12-19 Uhr, 18 Uhr Konzert

ingolf #6 geht auf die Bühne
Eine begehbare Ouvertüre für Orchester, Sopran Solo und Chor


Auf dem Weg durch Arbeit und Alltag, allein und mit Freunden, mit Gurkenbrot und Currywurst, haben wir an unsere alltäglichen Opern gedacht. Aber auch an die Sirenen, die so schön singen, dass einem die Sinne vergehen. Und jetzt, wo wir eigentlich den Alltag hinter uns lassen wollten, wenn ihr und wir und alle noch einmal die Bühne betreten und Orchester, Chor und Solisten auf den großen Auftritt warten, stellen wir fest, dass all das eh schon immer Oper war, seine Oper, unsere Oper, Oper von allen und wir noch nie etwas anderes spielen wollten als das.

ingolf #6 geht auf die Bühne ist die Summe aller Opern, denen wir täglich begegnet sind im letzten Jahr mit Euch, eine einstündige, begehbare Ouvertüre für Chor, Orchester, Elektronik und die Sopranistin Judith Caspari. Und das, was nur Vorbereitung, Vorstellung, Arbeit, fixe Idee schien, kehrt jetzt wieder und betritt die Bühne des großen Hauses im MiR: die Gesänge des Theremin, die Geräusche der Gewerke, die Monodie des Umzugs, ingolfs Wohnung, das Ticken der Pendel und nicht zuletzt die Currywurst. Es wird groß, und alle dürfen sich frei bewegen. Und am Ende wird ingolfs Traum der Oper wahr: „Eine Situation schaffen, wo man einfach gehen kann, ohne dass man dabei andere stört, man geht einfach weg.“

Film, Musik, Regie Daniel Kötter, Hannes Seidl
Szenographie Rahel Kesselring
Dramaturgie Anna Grundmeier (MiR), Roland Quitt (FeXm)
Produktionsbüro Berlin: ehrliche arbeit - freies Kulturbüro

Eine gemeinsame Produktion von Daniel Kötter / Hannes Seidl mit dem Musiktheater im Revier und dem Fonds Experimentelles Musiktheater.


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