Hannes Seidl / Anselm Neft: Die Flexibilität der Fische

Finished 2022
zwei Balladen
Teil 1 für verstärkte Violine, Stimme, Kick Drum, Playback
Teil 2a für virtuelle Klaviere, Stimme und Playback
Teil 2b für Chor
duration: 60'


Hannes Seidl / Anselm Neft
Die Flexibilität der Fische – Teil 1 und 2


Nachdem Parzivals Vater in der Schlacht gefallen ist, zieht seine Mutter Herzeloyde in einen entlegenen Wald. Sie setzt alles daran, sich und ihren Sohn von der Außenwelt abzuschirmen. Von der Welt, in der Männer “Männer” und Frauen “Frauen” sein sollen.

Das zweiteilige Stück "Die Flexibilität der Fische" umkreist Erfahrungen aus dem Patriarchat und weist in das ganz Andere einer neuen Mythologie. Auf der Textebene verschränken sich kurze Reflexionen über das Parzival-Epos, der nüchterne Monolog einer KI und variierte Zitate der emanzipatorischen Denkerin und Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks.

Dismantling and changing patriachal culture is work that men and women must do together.

Zusätzlich findet sich in den Übertitelungen und Sprechpassagen die Perspektive eines Mannes, der in Erinnerungen rund um Pubertät, Elternbeziehung, Schulsystem, Sex und Alkohol seinen persönlichen Prägungen in Bezug auf „Männlichkeit“ und das „andere Geschlecht“ nachspürt. Dabei findet er im Individuellen das Allgemeine, ein Muster. Indem er auf diese Weise zentrale Elemente seines Bauplans decodiert, entstehen neue Fragen, Wünsche und Hoffnungen: die Überwindung der zweigeschlechtlichen Zuschreibungen, das Vertiefen von Ambivalenzen und das Befreiende einer Nicht-Identität.

Ich bin neugierig auf all die Worte, die noch zu finden sind.

Einer starren Erzählung von biologischem Geschlecht als primäres Identifikationsmerkmal wird bruchstückhaft und tastend eine andere Erzählung gegenübergestellt, die den Menschen als ein Sein in etlichen wechselnden Zuständen und als Schöpfer und Geschöpf fortgesetzten Storytellings.
Die zwei Balladen, in denen der Text vorgetragen und eingebettet wird, lehnen sich an verschiedene Traditionen solistischen Musizierens an. Die erste Ballade, die für die Solistin Diamanda LaBerge Dramm geschrieben ist, steht in der Tradition der folk music, genauer der singender Fidlerinnen (fiddle singing). Die vor allem in englischsprachigen Ländern verbreitete folk music lebt von gesungenen, oftmals persönlichen Geschichten, die von Liebe, Heimatverlust, Protest oder einfach auch nur einem ausgewachsenen Hangover handeln. Gruppierungen der unterschiedlichen politischen Lager haben sich immer wieder der erzählerisch-identifikatorischen Kraft der folk music bedient.

Ich brauchte Aufmerksamkeit, Empathie, Fürsorge und Bestätigung! Um zum Mann werden, durfte ich mir all das selbst nicht geben. Ich brauchte Mädchen und Frauen dafür. Das hat mich wütend gemacht: Auf mich, auf Frauen Auf die ganze Welt.

Die zweite Ballade ist gemeinsam mit dem Pianisten Sebastian Berweck entstanden. In der Tradition des Geschichtenerzählers, der sich selbst am Flügel, oder - wie in diesem Fall - am Keyboard begleitet, tastet sich der Solist noch einmal durch die Geschichten der ersten Ballade. Wird im ersten Teil die Solistin zur Sprecherin einer Idee, ist die Show in der zweiten Ballade bereits vorbei. Vereinzelte Akkorde und Stille geben Raum zum Zuhören, der Pianist tritt zur Seite, befragt und permutiert in immer wiederkehrenden Refrains die Aussagesätze des ersten Teils und lässt mehr und mehr anderen Stimmen den Raum, bis er schließlich zum Korrepetitor wird, den das Publikum von der Nebenbühne beobachten kann.

Hannes Seidl & Anselm Neft



Past Performances:


Jan 30th, 2022
Frankfurt, Mousonturm, Die Flexibilität der Fische
Jan 29th, 2022
Frankfurt, Mousonturm, Die Flexibilität der Fische
Jan 28th, 2022
Frankfurt, Mousonturm, Die Flexibilität der Fische (UA)
Oct 16th, 2021
Donaueschingen, Donaueschingen Musiktage, Die Flexibilität der Fische – Teil 1


Media:


No A/V media yet